Dr. Stefan Lang am 19. Juli 2023

Stressfaktoren der Promotion – wenn Forschung zur Qual wird


Kategorie Schreib- und Publikationsprozess

Viele Promovierende fühlen sich verheizt – volle Arbeit bei halbem Gehalt und dazu Überstunden, Nachtschicht und Wochenendarbeit. Sie robben auf dem Zahlfleisch und alles, was sie aufrecht hält, ist die vage Aussicht, dass es irgendwann besser wird. Nach dem „Doktor“. Blog-Artikel mit Video.

Gibt es Burn-out bei Promovierenden der Medizin, der Biologie, Biochemie oder, kurzum, Life Science? Ja, den gibt es, neben depressiven Verstimmungen, Sinnkrisen und Frust.

Stressfaktoren einer Promotion in den Fächern Medizin oder Biologie (Life Science)

Aber woran liegt es, dass so mancher Doktorand und manche Doktorandin auf dem Zahnfleisch gehen und vor Stress nicht mehr aus und noch weniger ein wissen? Hier vier wichtige Stressfaktoren, also Gründe, warum eine Promotion selbst das sonnigste Gemüt in die Knie zwingen kann.

Keine Betreuung, keine Hilfe, danke für Nichts

Leider relativ häufig liegt es an Betreuer oder Betreuerin der Promotion. ‚Betreuen‘ bedeutet eben mehr, als methodische Fragen nur im Vorbeigehen zu beantworten oder neue Experimente auf die Schnelle und eher aus dem Bauch heraus vorzuschlagen. Methodische Probleme sollte man eigentlich gemeinsam lösen und neue Versuche fundiert planen.

Doch im Forschungsalltag fühlen sich viele Promovierende alleingelassen, arbeiten im Einzelkämpfer-Modus und führen ihre Experimente nach dem Trial & Error-Prinzip durch.

„ […] Betreuende sind überzeugt, dass sie einen Spitzenjob machen, tun aber tatsächlich zu wenig.“ Interview mit Hans-Werner Rückert, Psychoanalytiker, in Forschung & Lehre 4/18

Eine schlechte Betreuung muss man aber nicht einfach schlucken. Man kann sich Hilfe suchen, im schlimmsten Fall die Stelle wechseln.

In jedem Fall aber lohnt es sich, vor Beginn der Promotion einmal bei ehemaligen Doktoranden und Doktorandinnen oder bei den BTAs und MTAs im Labor nachzufragen, wie denn die bisherigen Doktorarbeiten so gelaufen sind.

Schlechte Betreuung muss man nicht akzeptieren.

Stress-Skala der Forschungsthemen: leicht, schwer, unbekannt

Es gibt leichte Themen und es gibt schwere Forschungsthemen. So richtig stressig wird es jedoch, wenn ein eindeutiges Thema einfach … fehlt. Denn das bedeutet, dass man nur auf Zuruf einzelne Experimente durchführt, deren Sinn und Zweck man nicht verstanden hat. Erfolgserlebnisse wird man so nicht erleben.

Hat man zusätzlich einen Chef, der seine Mitarbeiter nach dem Motto „Lob verdirbt den Charakter“ führt, fehlt die Wertschätzung und die Promovierenden fühlen sich wie im Hamsterrad. Steht dann irgendwann das Zusammenschreiben der Doktorarbeit an, potenziert sich der Stress. Denn wie soll man aus dem Sammelsurium aus Teilprojekten und Einzeldaten eine zusammenhängende Story basteln?

Man sollte sich also vor dem Beginn der Promotion ausführlich mit Doktorvater oder Doktormutter unterhalten – nicht zwischen Tür und Angel, sondern in Ruhe und zu einem festgesetzten Termin. Ist er oder sie dann nicht in der Lage, das Thema verständlich vorzustellen und eine klare Fragestellung zu formulieren, sollte man skeptisch werden und sich eventuell nach Alternativen umsehen.

Das Promotionsthema sollte man in 3-5 Sätzen skizzieren können, sonst ist es zu vage.

What’s Your Stress Personality Type?

Ok, man darf aber auch nicht immer die Schuld bei anderen suchen. Oftmals liegt der entscheidende Stressfaktor einfach am Projekt, in der wissenschaftlichen Realität begründet.

Wenn man für seine Versuche zuerst ein rekombinantes Protein aufreinigen muss, aber die Ausbeute aus der Zellkultur aberwitzig gering bleibt – klar, das kann ein großer Stressfaktor sein. Zumindest für defensive Persönlichkeiten, die die Schuld gern bei sich suchen. Die Folge: Sie arbeiten noch mehr, beginnen in der Zellkultur eine ungeheure Materialschlacht und betreiben in ausufernden Nachtschichten Raubbau an der eigenen Gesundheit.

In einer solchen Stress-Situation hört man auf, nüchtern nachzudenken oder kreativ zu werden. Die zündende Idee, wie man die Proteinausbeute steigern könnte, bleibt aus.

Nicht so bei denen, die selbstbewusst auf ihre Work-Life-Balance achten und sich von den expressionsunwilligen Zellen nicht stressen lassen:

„Die Ausbeute wieder einmal zu gering? Ich geh trotzdem joggen.“

Und so kommt es, dass zwischen Kilometer neun und zehn plötzlich die Idee aufpoppt, es einmal mit einem anderen Zelltyp zu probieren.

Probleme nicht durch blindwütiges Arbeiten lösen – sondern durch Kreativität.

Was kommt nach der Doktorarbeit?

Die Frage nach dem danach kann ein weiterer Stressfaktor sein. Früher war es eher die Frage: Wie finde ich einen Job? Heute dagegen eher: Für welchen Job soll ich mich entscheiden – Akademia oder Privatwirtschaft, Forschung oder Klinik, Teilzeit oder Karriere? Ok, diese Fragen sind Luxusprobleme, wirklich Stressfaktoren sollten sie nicht sein, die oben genannten ersten drei genügen ja auch schon.

Dr. Stefan Lang

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