Mein strukturierter Schreibprozess

Viele Autoren und Autorinnen schreiben wissenschaftliche Texte linear: Sie beginnen mit dem ersten Wort und schreiben Satz für Satz dem Ende entgegen. Mit dem letzten Punkt ist der Text dann — vermeintlich — fertig.

Doch dieses lineare Schreiben erfordert zahlreiche Überarbeitungen und Korrekturschleifen. Denn wenn die Kernaussage nicht klar ist, Argumente fehlen und Abschnitte nicht zusammenpassen, müssen ganze Textpassagen verschoben, gelöscht und neu geschrieben werden. In langwierigen Überarbeitungen muss das repariert werden, was eigentlich zu Beginn, auf konzeptioneller Ebene, hätte geklärt werden müssen.

Aus meinen Erfahrungen als Scientific & Medical Writer habe ich deshalb einen strukturierten Schreibprozess entwickelt, der bewährte Methoden des wissenschaftlichen Schreibens zu einem systematischen Arbeitsablauf verbindet.

Er besteht aus vier Phasen:

1. Konzept

Bevor man ins Detail geht, sollte das Gesamtbild skizziert werden. Dafür definiert man die zentralen Eckpunkte:

  • Hintergrund und Ausgangslage
  • Fragestellung oder Zielsetzung
  • Methodischer Ansatz
  • Ergebnisse und Befunde
  • Schlussfolgerung
  • Ausblick, Empfehlung oder Einordnung

Das Konzept zwingt Autor oder Autorin, zunächst intensiv über den Inhalt nachzudenken, bevor Zeit in einzelne Formulierungen investiert wird.

2. Outline

Aus dem Konzept entsteht die Gliederung. Ein gutes Outline legt nicht nur Überschriften fest, sondern strukturiert die Argumentation auf Absatzebene. Hierfür empfehle ich das sogenannte Sentence Outline, das Gliederungspunkte in vollständigen Sätzen festhält. Nur so kann man Inhalt und Fokus exakt definieren.

Ein detailliertes Outline ermöglicht außerdem gezieltere Literaturrecherchen. Zusätzlich kann man auch Abbildungen und Tabellen in sein Outline integrieren, um einen optimalen Überblick über sein Schreibprojekt zu erhalten.

Ein detailliertes Outline ist kein Nice-to-have. Gerade komplexe Themen erfordern eine logische Argumentation, die man exakt planen sollte.

3. Draft

Erst jetzt beginnt das Formulieren der ersten Manuskriptversion. Beim Draft geht es darum, die geplanten Inhalte wissenschaftlich präzise und dennoch kommunikativ-verständlich in Text umzusetzen.

Eine übersichtliche Absatzstruktur, ein klarer Satzbau und treffend gewählte Worte sind also wichtiger als der perfekte Stil. Aus diesem Grund trenne ich diese dritte Schreibphase ganz bewusst von der anschließenden Überarbeitung.

Einen komplexen Inhalt präzise und verständlich wiederzugeben, ist schwer genug. Daher sollte man Stilfragen zunächst außer Acht lassen.

4. Überarbeitung

Im letzten Schritt wird der Text systematisch verbessert. In definierten Schritten wird zunächst der wissenschaftliche Schreibstil optimiert. Anschließend folgen eine inhaltliche und formale Kontrolle, damit der Text den Anforderungen der Promotionsordnung oder den Instructions to authors genügt.

Es wäre wenig hilfreich, seinen Text einfach mehrmals zu lesen, um ihn zu verbessern. Denn dann sind vielleicht die ersten Seiten fehlerfrei und stilistisch hochwertig. Doch mit jeder weiteren Seite häufen sich holprige Stellen und formale Nachlässigkeiten — die Aufmerksamkeit lässt beim Lesen mit jeder Seite nach.

Auch bei der Überarbeitung sollte man systematisch vorgehen.

Die Grafik zeigt den strukturierten Schreibprozess mit den Phasen Konzept, Outline, Draft und Überarbeitung
Mein strukturierter Schreibprozess — vom Konzept bis zur systematischen Überarbeitung. Eigene Darstellung.

Vorteile des strukturierten Schreibprozesses

  • Jede Phase kann separat kontrolliert werden. So stellt man sicher, von Beginn an in die richtige Richtung zu schreiben.
  • Jede Phase hat ihren eigenen Fokus. So kann man sich immer auf das konzentrieren, was wirklich wichtig ist.
  • Die verschiedenen Anforderungen an das wissenschaftliche Schreiben verteilen sich auf verschiedene Schreibphasen und müssen nicht mehr in einem einzelnen Arbeitsschritt berücksichtigt werden.
  • Der strukturierte Schreibprozess ist besonders effektiv. Es fallen viel weniger nachträgliche Korrekturen an, sodass man schneller am Ziel ist.

Den strukturierten Schreibprozess lernen

Wissenschaftliches Schreiben hat nichts mit Talent zu tun. Es ist ein Handwerk. Um es zu lernen, muss jedoch nicht jahrelang in die Lehre gehen. Man braucht aber eine gute Anleitung, die alle Arbeiten am Text Schritt für Schritt erklärt — wie bei einem Versuchsprotokoll und den Standard Operating Procedures (SOP) der klinischen Forscher. Einer meiner Artikel in „Forschung & Lehre“ beschreibt diesen Ansatz: „Strukturieren statt Formulieren“ (pdf download).

Der strukturierte Schreibprozess ist die Basis meiner Schreibratgeber und Kurse. In meinen Workshops durchlaufe ich mit den Teilnehmenden alle Phasen des strukturierten Schreibens. Die konkreten Anforderungen unterscheiden sich je nach Textsorte, der grundlegende Prozess bleibt jedoch der gleiche.

Meine Arbeit als Trainer für wissenschaftliches Schreiben


Aus der strukturierten Arbeitsweise entstehen strukturierte Texte. Das ist eine entscheidende Voraussetzung für Verständlichkeit und Überzeugungskraft eines wissenschaftlichen Textes. Denn eines darf man beim wissenschaftlichen Schreiben nicht vergessen: Schreiben ist Kommunikation. Verständlichkeit und Leserorientierung sind keine Kosmetik, sondern ein wichtiges Qualitätsmerkmal.