Dr. Stefan Lang am 27. Februar 2021

Gendergerechte Sprache in Wissenschaftstexten


Kategorie Kampagne für Verständlichkeit

Eine Teilnehmerin meines Kurses zur medizinischen Doktorarbeit fragte mich neulich: „Wie halten Sie es mit der gendergerechten Sprache?“ Ich schreibe zwar vorwiegend englische Texte, in denen die Frage des Genderns relativ unproblematisch ist. Doch für deutschsprachige Wissenschaftstexte habe ich versucht, einen pragmatischen Ansatz zu finden.

In diesem Blogbeitrag möchte ich diesen Ansatz und meine Gedanken dazu erläutern. Sicherlich ist das nicht der Weisheit letzter Schluss und vielleicht werden meine Vorschläge der Notwendigkeit einer gendergerechten Sprache auch nicht 100%ig gerecht. Gleichwohl denke ich, dass meine Überlegungen Promovierenden helfen werden, einen gendergerechten und zugleich praktikablen Schreibstil für ihre Doktorarbeit zu entwickeln.

Vorgaben der Uni, Präferenzen der Betreuerin oder des Betreuers

Damit das vorab einfach mal klar ist: Ich möchte niemanden etwas empfehlen, was etwaigen Vorgaben der Promotionsordnung widerspricht. Gibt es entsprechende Regeln oder hat der Betreuer oder die Betreuerin der Doktorarbeit eindeutige Präferenzen, dann hält man sich besser daran. Gibt es diese nicht, dann folgen hier ein paar Gedanken zur gendergerechten Sprache in Wissenschaftstexten wie Doktorarbeiten oder Fachartikeln.

Gender-Sternchen, Binnen-I und Unterstrich

Diese drei Möglichkeiten gibt es, beide Geschlechter in nur einem Wort zu erfassen.

  • … es wurden 120 TeilnehmerInnen rekrutiert.
  • … es wurden 120 Teilnehmer_innen rekrutiert
  • … es wurden 120 Teilnehmer*innen rekrutiert.

Praktikabel, aber unschön?

Ein Schwachpunkt von Gender-Sternchen, Binnen-I und Gender-Gap ist, dass an vielen Stellen die Lesbarkeit der Doktorarbeit oder des Fachartikels  mitunter stark beeinträchtigt wird:

  • … die Diagnose des/der Patienten/ -in mit Multipler Sklerose
  • … die Diagnose des/der Patienten*in (oder Patient*in?) mit Multipler Sklerose

Problem Kasusendungen

  • … den Teilnehmer/-innen wurde XY verabreicht (stimmt nicht für Männer: den Teilnehmern)
  • … den Teilnehmern/-innen wurde XY verabreicht (stimmt nicht für Frauen)

Lösung Gender-Disclaimer

Die in dieser Doktorarbeit gewählte männliche Form bezieht sich immer zugleich auf weibliche und männliche Personen.

Ok, auch das kann man machen. Das ist auf jeden Fall wissenschaftlich präziser, als einfach das generische Maskulinum zu verwenden und zu hoffen, dass die Leserschaft schon irgendwie erahnt, dass beide Geschlechter gemeint sein müssen.

Andererseits wird diese Variante natürlich den Gründen für eine gendergerechte Sprache nicht wirklich gerecht. Nichtsdestotrotz ein praktikabler Weg.

Meine Empfehlung für deutschsprachige Wissenschaftstexte (Doktorarbeit, Fachartikel)

Es gibt zwei weitere Möglichkeiten gendergerecht zu schreiben: die geschlechterneutrale Formulierung und die Doppelnennung.

Meine Empfehlung lautet: Man sollte sowohl die geschlechterneutrale Formulierung als auch die Doppelnennung in seinem Wissenschaftstext anwenden – aber mit Bedacht.

So finde ich es angemessen, präzise und gut lesbar von Promovierenden, Studierenden oder der Studienleitung (anstelle des Studienleiters) zu schreiben. Dagegen halte ich es für sprachlich unpräzise von Lehrenden anstelle von Lehrern oder Lehrerinnen zu schreiben, da ich durchaus unterrichten oder lehren kann, auch ohne eine Berufsausbildung als Lehrer zu haben. Aus einem Dozenten oder einer Dozentin einen Dozierenden zu machen, ist schon fast etwas albern.

Das heißt: Die geschlechterneutrale Formulierung ist gut, aber nicht an jeder Stelle der Doktorarbeit. An den anderen Stellen benutze ich einfach beide Geschlechter: Patient und Patientin, Ärztin und Arzt.

Diese Doppelnennung wird oft mit dem Argument abgelehnt, sie blähe einen Text, also auch die Doktorarbeit unnötig auf. Doch dieses Argument stimmt meiner Meinung nach nicht. Denn die Doppelnennung fällt gar nicht so sehr ins Gewicht: Eine Version dieses Blogbeitrags ohne Doppelnennungen ist gerade mal ca. 3 % kürzer (590 vs. 575).

Die Doppelnennung fällt in der Doktorarbeit vor allem dann nicht ins Gewicht, wenn sie mit der geschlechterneutralen Formulierung kombiniert wird – und dem Kontext!

Tatsächlich – ich verzichte an den Textstellen auf das Gendern, bei denen sich direkt aus dem Kontext ergibt, dass beide Geschlechter gemeint sind:

  • … es nahmen 150 Patienten an der Studie teil (52 % Frauen, 48 % Männer).

Fazit

Gibt es seitens der Promotionsordnung oder der Autorenhinweise eines Fachjournals keine eindeutige Vorgabe, sollte man sich für einen Weg entscheiden, den man als gendergerecht und zugleich gut lesbar empfindet.

Ich hoffe, meine Überlegungen können zur Entscheidungsfindung ein wenig beitragen.